Dr. Michael Kühnel-Rouchouze
Reiseimpfungen / Tropenmedizin &
Allgemeinmediziner

Ruhe vor dem Sturm

Freitag… heute vor einer Woche haben meine KollegInnen und ich die Responder bestiegen. Keiner wusste, was uns erwartet. In der Zwischenzeit haben wir 870 Menschen vor dem Tod gerettet. Es klingt irgendwie surreal.

Unser jüngster Gast war gerade mal einen Monat alt. Ich bin weit weg von Österreich, von der Diskussion, wieviel Mindestsicherung wer bekommen soll, was man mit all den Menschen tun soll, die Europa erreichen. Ich bin auch weit weg von jeglicher Wahlpropaganda, von der Frage ob manche Menschen in Österreich muslimische Pflegekräfte kennen oder auch nicht. Ich bin weit weg von der Frage, ob wir am 4. Dezember richtungweisend wählen, in welche Richtung es gehen wird.

Ich bin hier auf einem Schiff, das Menschen hilft. Mir ist es egal, welches Geschlecht, Aussehen, sexuelle Orientierung oder welche Religion jemand hat. Ich erwarte mir hier an Bord nur eines: Respekt… Respekt vor mir und allen anderen, die sich am Schiff befinden. Wir hatten Gäste aus vielen Ländern.

Libyen- klar oder?

Nigeria- Boku Haram ist wohl aus den Medien bekannt

Gambia- Viele halten die Menschenrechtslage dort für sehr bedenklich

Südsudan- speziell nach der Loslösung vom Sudan immer wieder Konflikte

Mali- Brennpunkt, Deutschland wird angeblich im Jänner wieder Truppen dorthin verlagern

Ja, es gibt sicher auch viele Flüchtlinge, die kommen, weil sie bei uns einfach ein besseres Leben wollen. Das bestreite ich nicht und lässt sich wohl auch nicht „verhindern“.

Genug Politik…

Wie schon im anderen Blog des roten Kreuzes berichtet, hatten wir unsere ersten Rettungen am Sonntag. Nach der Übergabe wurde mal alles wieder gereinigt und einsatzbereit gemacht.

Montag war sehr hoher Wellengang, weshalb wir niemanden sahen. Das war den Menschen zu gefährlich. Scheinbar nicht aSeerettungllen, wenn man den ORF verfolgt, gab es einige, die es doch versuchten und dabei starben. Dienstag war es ähnlich. Wir kreuzten, wie bereits am Tag zuvor. Alls die Sonne schon untergegangen war, ging Johanna, unsere isländische Kollegin nach draußen, um ihren Mann anzurufen. Plötzlich stuermte sie herein und meinte: There is a Dingi outside- Da ist ein Gummiboot neben uns… Erst hielten wir es fuer einen Scherz. Am Ende konnten wir 99 Menschen retten. 99 Leben, die es ohne Johanna nicht mehr gäbe. Erst am Ende realisierte sie glaube ich, was sie getan hatte. Jeder gratulierte ihr, abe rsie blieb bescheiden und ruhig. Aufgrund des Wellenganges war das Boot nicht am Radar zu sehen. Die Menschen waren bereits 24 Stunden unterwegs und hatten die Hoffnung aufgegeben…

Am Mittwoch ging alles ganz schnell. Um halb 9, kurz nach Schichtbeginn gab es Alarm. Man muss dazu sagen, ab dem Zeitpunkt, wo wir Gäste an Bord haben, ist das medizinische Personal in Schichten zu jeweils vier Stunden eingeteilt. Das macht also acht Stunden pro Tag Bereitschaft pro Person 4 Arbeit, 8 frei.. bis zur Ankunft im Hafen. OK nicht fuer mich. Als medizinisch Verantwortlicher bin ich die übrige Zeit auf Abruf.

Also, es gab kurz nach 8 Alarm. Ein Gummiboot mit 150 Menschen wurde gesichtet. Die Luft schien langsam auszugehen. Professionell, wie immer, ließ das MOAS Team das Beiboot ins Wasser.

Die 1. Fahrt dient im allgemeinen dazu, alle Menschen mit Rettungswesten zu versorgen. Dann werden 28 Menschen an Bord der Ghalib, des Beibootes, gebracht und uns auf der Responder übergeben. Ich übernehme dabei die erste Sichtung potentiell stark erschöpfter oder verletzter Menschen, helfe ihnen aus den Rettungswesten. Danach führt MOAS eine Leibesvisitation durch. Messer, Feuerzeuge und Zigaretten dürfen nicht an Bord gebracht werden. Danach bekommen sie von meinen KollegInnen ein farbiges Armband, um so die Boots-Zugehörigkeit feststellen zu können. Nach Abschluss der Rettung werden die Menschen mit Wasser, Keksen und Alu-Decken versorgt. Das fällt auch dem RK zu. Schließlich werden sie medizinisch gescreent, was nicht so einfach ist. Nach zwei Tagen am Meer ist die Körpertemperatur digital meist nicht messbar. Kontrolle ob eine Dehydrierung besteht und kurzer Check auf Skabies. Alles in allem etwa max. 10 sec pro Person.

Michael Kühnel-Rouchouze receives an infant from a rubber boat that carried a total of 170 people, men, women and children.Am ersten Schiff mit den 150 Personen befanden sich unter anderem auch Desmond, unser jüngster- 1 Monat alter- Gast mit seiner Mutter. Ich bin Thorir sehr dankbar für das sehr schöne Foto. Das Kind wurde schreiend von der Ghalib auf die Responder uebergeben. John, der MOAS Chef, rief nur: DOC ich: YES er: that’s yours- Das ist Deines… und drückte ihn mir in die Hand. Ich sah ihn mir kurz an und redete mit ihm. Er hoerte auf zu weinen und hatte einen entzückenden Schluckauf. Nach zwei Minuten war dann auch seine Mutter an Bord. Beide sichtlich geschafft, aber gesund, konnten sie dann ins Innere weiter. Schwangere und Mütter mit Kindern dürfen im Boot liegen. Alle anderen muessen an Deck bleiben. Mit dabei war auch eine Mutter, die von ihren 6 (!) Kindern getrennt worden war und nicht wusste, wo sie waren. Ich versuchte sie mit in meinem besten Französisch zu beruhigen. On va chercher- wir werden sie suchen… Eine Stunde später war es dann soweit. Das nächste Schiff,  mit 170 Menschen, hatte auch die Kinder an Bord. Alle waren zum Glück unverletzt.

Das sind die Augenblicke, in denen man weiß, man tut das Richtige hier.

Ein Reporter vom Kurier interviewte mich. Er meinte: Wenn man hier ist und Menschen rettet, weiss, dass diese in Europa nicht willkommen sind, wir uns als RK nicht auf eine Seite stellen dürfen, ob einem da nicht das Kotzen kommt? (Originalzitat). Nein, durch unsere Arbeit hier beziehen wir Stellung. Nur, wenn man jetzt laut schreien würde, würde das die Situation nicht besser machen. Aber allein durch Thorirs Fotos bekommen die Menschen Gesichter und sind Michi bei der Nachtschichtnicht mehr die Masse an Flüchtlingen, sondern die Mutter mit ihren Kindern, Desmond, und andere Menschen… wir sind einfach da.

Nachdem wir insgesamt die Menschen von fünf Booten gerettet hatten, fuhren wir mit 553 Menschen Richtung Sizilien. Die Responder ist für 350 Menschen ausgelegt. Aber alle waren diszipliniert und so war es vom Platz her OK. Das einzige, was nicht mitspielte, war das Wetter. Die Nacht war wahrlich schlimm. Auch ich wurde seekrank, nahm das erste Mal die stärkeren Medikamente, um meine Nachtschicht durchzustehen. Gleichzeitig holte ich mir bei Kathrin, meiner Freundin, die zwei geplante Hausgeburten hinter sich hatte, Tipps für eine Schiffsgeburt. Eine Dame im 7., 8. Oder 9. Monat, so genau war ihr das nicht erinnerlich klagte über Unterleibschmerzen. Ich gehe immer vom besten Fall aus, nämlich, dass 1.000e Jahre auch ohne ÄrztInnen Geburten statt gefunden haben. Trotzdem waren einige Tipps sehr hilfreich.

Ich informierte auch Jean, den MOAS Chef. Der meinte nur: „Wir sind mitten im Nirgendwo, eine Evakuierung ginge eh nicht. Außerdem waerst Du der Held, weil meine Chefin immer schon eine Schiffsgeburt haben wollte.“

Also langer Rede kurzer Sinn: Ich wurde kein Held, das Baby ist noch in der Mama und das ist gut so. Mir blieben einige Schweißperlen erspart. Außerdem hatte das Baby bei dem Wellengang vermutlich schon bei der Geburt eine Gehirnerschuetterung gehabt. Nicht gut…

Am Donnerstag kamen wir nach dem großen Sturm in Italien an. Es roch nach Urin und Erbrochenem. Nach dieser Nacht auch nur zu verständlich. Als die Menschen den Hafen sahen, konnte man Gesänge hören.Alle waren glücklich, auch wenn Italien sie mit Regen und Gewitter empfing. Dann kamen die italienischen Behörden aufs Schiff. Ein Gesundheitsteam aus 4 Personen. Zunächst gab es eineGute Nachtförmliche Übergabe von mir an den Arzt. Der war zufrieden, da wir kaum nennenswerte Fälle hatten. Alle Frauen mit Kindern und auch die Schwangeren bekamen Armbänder. Dies dauerte eine Ewigkeit. Ich fürchtete schon, dass wir viele Stunden bräuchten, bis das Schiff leer wäre. Jeder Gast wurde vor dem Verlassen nochmals auf Skabies untersucht und die Temperatur gemessen. Dies war innen noch sinnvoll. Nach etwa 30 Minuten durften dann die ersten von Bord. Es regnete immer noch und es war kalt. Die Menschen hatten begonnen, ihre Aludecken zu entsorgen in der Hoffnung, eh vom bald Schiff unten zu sein. Dies sollte aber noch mindestens zwei Stunden dauern. So standen sie nun wartend, frierend an Deck. Keiner schimpfte, keiner war ungeduldig. Es war eine Spannung in der Luft, die aber nicht ungut war. Erwartungsvoll trifft es wohl am ehesten.

Ein bisschen Ablenkung

Ein bisschen Ablenkung

Dann wurde eine Reihe geschlichtet. Erst bekam jeder ein Armband, danach wurde die Temperatur gemessen, die vermutlich selten über 36 Grad war, an derletzten Station wurde nochmals wegen Skabies gefragt. An Land angekommen wurden die Menschen fotografiert, bei Bedarf vom italienischen Roten Kreuz versorgt, das mit einer freiwilligen Einheit 1 Zelt aufgebaut hatte. Arzt und SanitäterInnen waren da. Sobald unsere Gäste unser Schiff verließen, bekamen sie Badeschlapfen. 90% der Menschen hatten keine Schuhe. Trotz der unterschiedlichen Hautfarben sah man aber bei allen Menschen, wie sehr sie froren. Nach dem Foto ging es in einen warmen Bus und hoffentlich in ein friedlicheres Leben.

Während draußen noch die Untersuchung vor sich ing, kam ein Notruf via Funk. Ein Mann war am oberen Deck kollabiert, Temperatur digital nicht messbar. Ein Teil der Menschen musste ganz oben vorne die Fahrt nach Italien antreten. Sie waren also noch mehr dem Wind ausgesetzt als die anderen. Alle zitterten. Hier war ich von den Italienern sehr überrascht. Wir brachten ihn zu uns in die Klinik, nahmen die Vitalwerte und innerhalb von weniger als 2 Minuten war eine Trage da und er wurde von Bord zum ital. Roten Kreuz gebracht. Es gab da keinerlei Kompetenzgerangel, wem der Patient nun „gehört“, sondern war ein tolles Hand in Hand Arbeiten.

Unterdessen begannen wir mit dem Nachschlichten der Kekse. Diese mussten aus dem Lagerraum in den Umkleideraum gebracht werden, damit wir wieder voll einsatzbereit waren. Eine Strecke von 25 m und mindestens drei potentiellen Möglichkeiten, sich den Kopf anzuschlagen.  Am Ende durfte ich noch den Boden aufwischen. Danach stand einem kurzen Besuch im Ort auf eine Pizza nichts im Weg.

Habt ihr schon mal probiert, mit den Wellen mit zugehen- an Land. Es fühlte sich in etwa so an: drei große Schritte, während das Boot runter geht, 2 kleine Schritte beim Raufgehen. Irgendwie versteht das Gehirn nicht, dass man nicht mehr am Schiff ist.

Das blieb von 870 Personen

Das blieb von 870 Personen

Es war ein netter Ausklang und wir stießen mit einem Gläschen Wein auf die ersten 870 Menschen an.

Am Freitag konnten wir uns dann ausschlafen. Um sieben Uhr morgens legten wir bereits wieder Richtung Einsatzgebiet ab. Das Bett habe ich bis heute- Samstag Nachmittag kaum verlassen. Mein Ziel ist es derzeit, mein Essen bei mir zu behalten. Der Wellengang wurde nicht besser und auch Johanna erwischte es gestern. Nur ich bin heute noch immer Out of Order. Länger als 10 Minuten nicht zu liegen, tut nicht gut… Daher werde ich jetzt enden und mein Bett wieder aufsuchen…

Ich werde versuchen, alles bei mir zu behalten- aus Liebe zum Menschen und aus großem Respekt zum Leben

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